Das Randfilmfest 2018 – Ein Rückblick

Festivaltrailer 2018 - The Chase

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https://youtu.be/XV3FFCF9mNY

 

Final Girls / Guilty Guys

Das Randfilmfest 2019 fand von 13. bis 16. September 2018 in der Nachrichtenmeisterei in Kassel statt. „Final Girls / Guilty Guys“, unter diesem Motto standen in diesem Jahr 29 Filme, 12 Vorträge, Konzerte und Diskussionspanels in einem Programm, das mit knapp 1.200 Besuchern einen neuen Zuschauerrekord verzeichnen konnte.

 

1. Festivaltag: Donnerstag, 13. September

Die Eröffnungsgala fand am Donnerstagabend um 19:00 Uhr vor ausverkauftem Haus statt. Susanne Völker, die Kasseler Kulturdezernentin, lobte in ihrer Eröffnungsrede das Engagement von Randfilm, das sie als echten Gewinn für die Kasseler Kulturlandschaft bezeichnete. Das abseitige Filmfest sei eine feste Adresse für alle, die sich für Filme fernab der ausgetretenen Pfade interessierten – egal ob Kurz- oder Spielfilm, Animations- oder Kunstfilm, jedes Format sei hier bestens aufgehoben.

Eröffnungsgala Randfilmfest 2018
Foto: Andreas Tietzek

Den Anspruch der „Andersartigkeit“ untermauerte auch die anschließende Tanzperformance der Formation „Sozo visions“: nackte Körper, objektiviert, ihrer Individualität beraubt, die – ohne Musik – in immer neue Konstellationen gestellt wurden, forderten den Zuschauer heraus, die Frage nach Geschlecht, Erotik und Menschsein neu zu formulieren. Ein Wagnis, welches schockierte und doch mit anhaltendem Applaus honoriert wurde.

Mia Morgan
Foto: Andreas Tietzek

Scheinbar gefälliger durfte dann – nachdem stellvertretend für den Randfilm e.V. die Moderatoren Volker Beller und Ralf Stadler das Publikum ebenfalls begrüßt hatten – Sängerin Mia Morgan eine gesangliche Einführung auf den Eröffnungsfilm geben. Zu vordergründig ohrenschmeichelnden Melodien gab es Triftiges und Tristes aus der intimen Erfahrungs- und Beziehungswelt der bekannten Multi-Künstlerin.

„Dreckskerle“ hieß dann – passend dazu – der Eröffnungsfilm. Im Gewand eines Noir-Films schafft Regisseurin Claire Denis hier das Bild zerstörerischer Leidenschaften, in der nichts ist wie es scheint, schon  gar nicht die traditionellen Rollen von männlich und weiblich, Opfer und Täter. „Dreckskerle“ war dann auch Titel einer ganz besonderen Sektion auf dem Randfilmfest: Hier standen Film-Männer im Fokus, welche durch Missbrauchsvorwürfe in Verruf geraten sind. In einem einführenden Vortrag wurde jeweils die Fallgeschichte nachgezeichnet sowie die Frage untersucht, ob die Filme dieser Männer noch gesehen werden können. Den Anfang der Reihe machte am Donnerstagabend Ralf Stadler, der über die „Fallgeschichte“ Woody Allen referierte. Wie kaum bei einem anderen prominenten Missbrauchsfall steht bei Allen Aussage gegen Aussage. Während sich ehemalige Kollegen und Mitarbeiter gegen Allen stellen, gibt es ebenso viele, die die Vorwürfe gegen ihn für gegenstandslos halten. Welche Indizien ergeben sich aus Allens Werk selbst? Anhand des Films „Celebrity“ wurde die Komplexität dieser Fragestellung dargestellt.

Der sogenannte „Rape & Revenge“-Film gehört zu den abseitigeren Bereichen des Exploitationkinos. Regisseurin Caroline Fargeat gelang es in ihrem Debütfilm „Revenge“ als weiterem Programmpunkt an diesem Abend spielend, nicht nur alles bisher dagewesene in Punkto Drastik in den Schatten zu stellen – mit gekonntem Hyperrealismus schaffte sie das Kunststück, die simple Rachegeschichte in ein feministisches Exempel zu verwandeln, das weh tat und nachwirkte.

 

Foto: Andreas Tietzek

Schockierend und einzigartig auch „Sleepaway Camp“ im Randfilmfestprogramm, der das Eröffnungsprogramm kurz vor Mitternacht abschloss. Im Zentrum steht Angela, deren Aufenthalt in einem Sommercamp sich schon bald zum Alptraum entwickelt, denn ein Killer geht um. Doch am Ende sind auch hier alle Rollen – und Geschlechter – vertauscht in einem der eindrücklichsten Schlussmomente der Horrorgeschichte.

2. Festivaltag: Freitag, der 14. September

Am Freitag eröffnete der Film „Onibaba- Die Töterinnen“ den Festivaltag. Ein Bilderrausch in Schwarz-Weiß, der im Parallelprogramm von Claire Denis‘ „Meine schöne innere Sonne“ mit Juliette Binoche
thematisch konterkariert war. Drehte sich in ersterem Film alles um das Überleben von Frauen im Krieg, thematisierte der zweite das Geschlechtsleben einer Mittfünfzigerin im Großstadtdschungel.

Um „starke Frauen“ ging es dann auch bei der Podiumsdiskussion „Gender & Film“ um 18:00 Uhr. Hier setzten sich Christine Berg, stellvertretende Geschäftsführerin der Filmförderanstalt FFA, Filmlegende Monika Treut und Kasseler Kulturdezernentin Susanne Völker mit der Gleichberechtigung im Kulturbetrieb auseinander. Ausgangspunkt war eine Studie der FFA, welche ein frappierendes Ungleichgewicht in der personellen Besetzung von Frauen in der Filmbranche ans Licht brachte. Doch woran liegt das und welche Maßnahmen lassen sich dagegen ergreifen? Moderatorin Bettina Fraschke gelang es immer wieder, die neuralgischen Punkte zu benennen und eine konstruktives Gespräch herauszufordern.

v.l.: Kulturdezernentin Susanne Völker, Journalistin Bettina Fraschke, Regisseurin Monika Treut und Christine Berg, stellv. GFin der FFA; Foto: Andreas Tietzek

Mit vielen Beispielen und Erfahrungswerten aus der eigenen Biographie und täglichen Arbeit entstand im Gespräch ein durchaus differenziertes Bild der Schwierigkeiten und deren Ursachen und war dennoch vom positiven Grundton bestimmt, an den traditionellen Ungerechtigkeiten etwas ändern zu können.

Christine Berg, stellvertretende Geschäftsführerin der FFA
Foto: Andreas Tietzek

Überhaupt schon das Erkennen der Missstände wurde als ein erster Schritt gewertet. Die Diskussion fand auch beim Publikum große Resonanz, und setzte sich auch nach dem Panel im Lounge-Bereich des Randfilmfestes noch fort. Ein schöner Beleg nicht nur für die Relevanz des Themas, sondern auch für die Niederschwelligkeit des Randfilmfestes, wo Publikum und Prominente miteinander ins Gespräch kommen.

Mit Klaus Kinski wurde an diesem Abend ein weiterer „Dreckskerl“ kinematisch und biografisch behandelt – die Einführung übernahm diesmal Volker Beller, wobei Kinskis einzige Regiearbeit „Paganini“ als Beispiel für sein Schaffen herangezogen wurde.

Wer nicht in diese Abgründe tauchen wollte, konnte sich im großen Saal der sinnlichen Urgewalt von Monika Treuts Film „Verführung: Die grausame Frau“ aussetzen. Unter Anwesenheit der Autorenfilmerin war das Werk in einer restaurierten Fassung in einer Qualität zu sehen, die der Arbeit von Kamerafrau Elfi Mikesch zum ersten Mal angemessen Rechnung trug. Das Filmgespräch mit Monika Treut im Anschluss führte Wolfgang M. Schmitt, mit einer sichtlich gut aufgelegten Monika Treut. Sicherlich eines der geheimen Highlights des diesjährigen Randfilmfestes.

Wolfgang M. Schmitt mit Monika Treut; Foto: Andreas Tietzek

„The heart is deceitful above all things“ – eine Regiearbeit von Asia Argento fungierte hier als Kontrastpunkt. Die italienische Schauspielerin und Regisseurin war selbst vor Kurzem wegen Missbrauchsvorwürfen – sowohl als Opfer als auch als Täterin – in die Schlagzeilen geraten. Um so irritierender, als ihr Film selbst von Missbrauch und Gewalt handelt.

Für Nachtschwärmer hielt der Abend noch zwei echte Perlen bereit: „Luz“ von dem deutschen Regisseur Tilmann Singer zeigt eine junge Frau im Kampf mit einem Dämon, während „Slumber Party Massacre“ von 1982 den missglückten Versuch darstellt, einen  feministischen Slasher-Film auf die Leinwand zu bringen. Von den Produzenten wurde das ausschließlich von Frauen hergestellte Machwerk (Drehbuch: Rita Mae Brown, Regie: Amy Holden Jones) seiner satirischen Absicht beraubt und zum straighten Horrorfilm umgeschnitten.

Mia Morgan bezauberte schließlich um 23:00 Uhr mit Schlager-Lyrik und Post-Feminismus-Attitüde – altbacken und fresh zugleich flogen ihr die Herzen aus dem Publikum entgegen. Auch dem rauen Charme ihrer Schwester im Geiste – qp aus Hamburg – konnte man sich schwerlich entziehen, wenn auch hier deutlich düstere Klangwelten dargeboten wurden. Subtile Frauenpower, die ganz tief ins Fleisch schnitt und eine blumige Wunde hinterließ.

3. Festivaltag: Samstag, der 15. September

Der Samstag stand erneut unter der Schirmherrschaft zweier ziemlich extremer filmischer Visionen, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. „Under the skin“ mit Scarlett Johanson als außerirdischer Wesenheit, die mit der Banalität und dem Schrecken des Menschseins kollidiert auf der einen Seite, „The Baby“ von „Dirty-Harry“-Regisseur Ted Post auf der anderen Seite: eine Art Frauenwestern, in dem sich um die Herrschaft über den einzigen Mann duelliert wird. Ein Randfilm echten Wassers, der so manche Kinnladen in Richtung Erdboden zog und zeigte: das Böse ist nicht auf ein Geschlecht festgelegt.

In der Reihe „Female Views – Regisseurinnen“ kam der Schweizer Film „Blue My Mind“ von Lisa Brühlmann als Kasseler-Kinopremiere zur Aufführung. Das Pubertätsdrama mit ungewöhnlichem Ausgang zeigte, wie lebendig und originell auch das zeitgenössische Filmgeschehen ist und präsentierte eine der aufregendsten neuen deutschsprachigen Filmschöpferinnen, während im Nebensaal heftig diskutiert und gestritten wurde:

Wolfgang M. Schmitt beim Vortrag; Foto: Andreas Tietzek

Ein bis auf den letzten Platz belegtes Auditorium lauschte den Ausführungen von Literaturkritiker und Journalist Wolfgang M. Schmitt zum Komplex „Roman Polanski“. Kaum ein anderer „Dreckskerl“ aus dieser Reihe polarisierte dermaßen in der Einschätzung von Schuld und Opfertum wie die immer wieder von drastischen Brüchen gekennzeichnete Biografie des polnischstämmigen Regisseurs, der seit einer Verurteilung wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen nicht mehr in die USA einreisen  kann. Seine Filme hingegen zeugen von einem tiefen Verständnis für die weibliche Seele – spielte er in der Mieter sogar am Ende selbst in Frauenkleidern. Die angeregte Diskussion setzte sich weit über die zeitlichen Grenzen des Panels hinaus fort.

Neben einem weiteren Beitrag zur Retrospektive Claire Denis‘ (dem Fremdenlegionärsfilm „Beau Travail“) gab es am Samstag Nachmittag auch den ersten Teil der Wettbewerbsfilme rund um den begehrten Rand-Award. Zehn kurze und mittellange Filme hatten es in diesem Jahr ins Programm geschafft. Harte Kost von jungen Talenten aus deutschen Landen machte Lust auf Mehr.

Silvia Szymanski
Foto: Andreas Tietzek

Silvia Szymanski ist den Meisten wahrscheinlich als Schriftstellerin und Filmkritikerin bekannt. Zusammen mit Maria Wildeisen hat sie den Blog „Forced Entry – Vergewaltigung im Film“ ins Leben gerufen,
wo die Autorinnen auf unkonventionelle Weise und ohne Tabus streitbare Filme vorstellen. Für das Randfilmfest stellten sie nun erstmals einen Film live vor – zudem einen, bei dem das Vergewaltigungsopfer
nicht weiblich, sondern männlich ist. „Deliverance – Beim Sterben ist jeder der erste“ – auf der Oberfläche ein bloßer Macho-Film entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als komplexer Abgesang auf männlichen Freiheitsdrang und die Schattenseiten der Wildnis. Im anregenden Dialog miteinander näherten sich die beiden Filmliebhaberinnen behutsam dem Kern ihres Themas und ermöglichten es so den Zuschauern, das anschließende Screening des Streifens von John Boorman mit mehr Tiefgang zu genießen.

Der Film „Die Weibchen“ von Zbynek Brynych von 1970 zeigte eine junge Uschi Glas in einem Dorf, in dem die Männer der Unersättlichkeit der Frauen buchstäblich zum Fraß vorgeworfen werden. Im „Nachtportier“ von Liliana Cavani zeigte sich Oscar-Preisträgerin Charlotte Rampling in irher kontroversesten Rolle. Filme, die wider die klassischen Rollenklischees erzählten.

Auf den Höhepunkt nicht nur des Abends, sondern des gesamten Festivals steuerte das Publikum allerdings nach der Vorführung von Jack Hills „Die Bronx-Katzen“ und einem einführenden Vortrag von Robert Zion zu. Dann nämlich verband sich der Filmexperte via Skype mit dem mittlerweile knapp 90jährigen Regisseur und Weggefährten von Roger Corman!

 

Jack Hill per Videoschalte Foto: Andreas Tietzek

Jack Hill zeigte sich gut gelaunt in seinem Arbeitszimmer, scherzte mit dem Publikum und erzählte von seinem

besonderen Verhältnis zu Deutschland, welches durch die Begegnung seiner großen Liebe und jetzigen Ehefrau im München der 70er Jahre seinen Anfang nahm. Außerdem erzählte er Anekdoten zur Entstehung seiner Filme. Als erster Regisseur gab er nicht nur der Forderung nach Gleichberechtigung von Geschlechtern Raum, sondern auch für das Fallen der Rassengrenzen. Im akademisch angehauchten Interview von Robert Zion wies er jedoch jede Intellektualisierung seiner Arbeit von sich. In enger Anlehnung an Shakespear‘sche Themen orientierte sich zwar so mancher seiner Filme, doch wollte er den Aufruf zu Selbstbestimmung und Freiheit nicht verklausuliert und oder verkopft wissen. Filme für die Magengrube sollten es sein, die

Robert Zion Foto: Andreas Tietzek

die Selbstermächtigung der Unterdrückten selbst zur Folge haben sollten, jedoch nicht aus ideologischem Kalkül, sondern direkt aus einem konkreten Bedürfnis heraus entstanden waren. Mit seinen lakonischen Statements sorgte Jack Hill für mehr als nur einen Magic Moment auf dem Randfilmfest.

 

 

 

Die Band „Spröde Lippen“
Foto: Andreas Tietzek

Um 22:00 Uhr folgte der Live-Autritt der Indie-Band „Spröde Lippen“. Mit durchdachten Synth-Arrangements, lyrischen Texten und einer von flirrenden Visuals unterstützten Bühnenshow zog die Band von Anne Moder, Josphiene Milke, Ninel Ovetchkin und Sina Buttmann in den Bann.

Rappenden Künstlerinnen: „Die Römischen Votzen“
Foto: Andreas Tietzek

Deftig-wurde es dann mit den „Römischen Votzen“. Die 3 Rapperinnen aus Offenbach testeten mit Songs über Saunagänge, Inzest und andere Tabuthemen die Schamgrenze des Publikums aus. Die Performance – an der Grenze zur künstlerischen Persiflage von Rap-Klischees und postfeministischer Kampfansage.

4. Festivaltag: Sonntag, 16. September

Mit einer solchen ging es auch in den letzten der vier Festivaltage.

v.l.: Wolfgang M. Schmitt, Robert Zion, Silvia Szymanski, Julie Miess; Foto: Andreas Tietzek

„Feministische Filmkritik“ hieß die Podiumsdiskussion am Sonntag, mit Rockmusikerin Julie Miess („Mutter“, „Half-Girl“ und „Britta“), Silvia Szymanski, Wolfgang M. Schmitt und Robert Zion. Allesamt
Filmkritiker, die sich in der ein oder anderen Form bereits öffentlich mit dem Thema auseinandergesetzt hatten. Das Thema hatte es wahrhaftig in sich. Einigkeit bestand lediglich darüber, dass Männer und Frauen anders über Filme sprechen. Männer – so hieß es, seien eher an dem Sammeln skurriler Fakten interessiert, wohingegen Frauen sich stärker mit inhaltlichen Aspekten befassten. Doch mehr und mehr geriet die Kritik von Miess und Szymanski zu einer Kritik an der Form, mit der männliche Kritiker mit weiblichen Äußerungen umgingen.

Julie Miess; Foto: Andreas Tietzek

Von platzhirschhafter Raumnahme und mangelndem Respekt war die Rede und es wurde des öfteren darauf hingewiesen – auch aus dem Publikum – , dass die weiblichen Rednerinnen ihre Gedanken nicht zu Ende hätten formulieren dürfen. Als Fazit konnte man sich zumindest auf den Konsens einigen, dass tatsächlich noch einige Hürden auf dem Weg zu völliger Gleichberechtigung auf dem Sektor der Filmkritik zu überwinden sind, aber mit diesem Gespräch ein wichtiger Anfang gemacht wäre.

Wer sich im Kinosaal nebenan den gleichzeitig laufenden „Chain“ von Regisseurin Jenifer Lynch ansah, verpasste also einiges an Emotionen – und kam doch nicht minder verstört ins Foyer zurück.

Mit dem Film „Fluido“ kehrte dann ein Stück Documenta ins Interim zurück. Der experimentelle Streifen rund um eine Spermadroge gehörte sicher zu den unzugänglicheren Filmen des Jahrgangs.

Harvey Weinstein ist bekanntlich der „Dreckskerl“, der die #metoo-Debatte überhaupt ans Laufen brachte. Dass sein Einstieg ins Filmbusiness der Slasher-Film „The Burning“ war, wissen nur wenige. Besonders ist, dass er ohne Final Girl auskommt und stattdessen mit einem männlichen Überlebenden aufwartet. Im Vortrag von Randfilmmitglied Christoph Niederberger wurde die Fallgeschichte Weinsteins dargestellt und die Kontroversen um die anschließende Öffentlichmachung der Missbrauchsfälle – aber auch Weinsteins große Bedeutung für das amerikanische Independent-Kino – gegeneinander gestellt …

Mit „Mädchen Mädchen“ von Roger Fritz konnte das Randfilmfest indessen mit einem weiteren selten zu sehenden Klassiker des deutschsprachigen Exploitationkinos aufwarten.

Eine traurige Nachricht gab es dann doch noch für alle Fans der französischen Regisseurin Claire Denis, welche am Sonntagnachmittag zu einem Werkstattgespräch in Kassel erwartet wurde. Nachdem bis zuletzt nicht sicher war, ob sie es aufgrund ihrer Verpflichtungen in Zusammenhang mit der Fertigstellung ihres neuen Films „High Life“ rechtzeitig schaffen würde, waren es am Ende familiäre Gründe die sie davon abhielten, in Paris in den Zug nach Kassel zu steigen.

Ralf Stadler im Gespräch mit Ingo J. Biermann; Foto: Andreas Tietzek

Während Autogrammjäger enttäuscht abzogen, hatten dennoch alle Filmfreunde Glück: Regisseur Ingo J. Biermann, der an der dffb bei Claire Denis gelernt hatte, und eigentlich das Gespräch mit Claire Denis führen sollte, bereitete stattdessen eine knapp eineinhalbstündige Einführung in Leben und Werk der außergewöhnlichen Künstlerin. In der Diversität ihres Werks konnte Biermann doch immer wieder rote Fäden und Gemeinsamkeiten aufzeigen, unterstrich die Besonderheiten in der Herangehensweise an Drehbucharbeit und Visualisierung.

Wer ihren Vampirfilm „Trouble Every Day“ noch nicht kannte, konnte sich anschließend von dem brachialen Werk verstören lassen. Untermalt von den melancholischen Klängen der Tindersticks nahm Claire Denis uns mitten am Tage mit zu einer wahrhaftigen Reise ans Ende der Nacht. Aufatmen hieß es dann hinterher beim herrlich anarchistischen „Tausendschönchen“, der in pastelligen Farben das Leben, die
Freiheit und das Chaos feierte.

Vier Tage voller „schuldiger Männer und letzter Mädchen“ neigte sich dem Ende zu. Das Standartwerk zu dieser überkommenen Rollenverteilung stammt von der Rockmusikerin Julie Miess, die in ihrer Publikation „Von der Opferheldin zur Monsterheldin“ unterschiedliche Ausformungen dieser Typen in der Popkultur untersuchte.

Im Gespräch mit Ralf Stadler von Randfilm forderte sie nun die Abkehr von der Frau als Opfer in der medialen Darstellung, hin zu einem ambivalenteren Frauenbild, dem der Monsterheldin, die – ähnlich wie der Werwolf oder der Jeckyll-und-Hyde-Typus – eine größere Darstellungsvielfalt erlaube.

Kurz vor der Abschlussgala am Abend zog sich dann die Fachjury des Rand-Awards, bestehend aus Julie Miess, Silvia Szymanski, Robert Zion und Wolfgang M. Schmitt, zur Beratung zurück.

Das Gesangsduo Pfeffer und Likör sorgte für einen morbiden Auftakt der Verleihzeremonie, mit Songs wie „Seit Du tot bist“ oder dem „Augenstern“, ganz im Stil der 1920er Jahre, und ließen in einer launigen Anmoderation noch einmal das vergangene Fest Revue passieren.

Dann war es endlich soweit – den mit 200,- Euro dotierte Rand-Award konnte Filmemacher Alexander Frank für seinen Film „Fremdkörperkredit“ mit nach Hause nehmen, und ein sichtlich hocherfreuter Gewinner strahlte mit der Fachjury um die Wette.

Rand-Award-Gewinner „Fremdkörperkredit“ von Alexander Frank; Foto: Andreas Tietzek
Pfeffer & Likör; Foto: Andreas Tietzek

„Leichen unter brennender Sonne“ bildete das Schlusslicht eines ereignisreichen Wochenendes – der einzige Film des Festivals, der von einem gemischt geschlechtlichen Regieduo gedreht wurde, von ausverkauftem Haus mit Standing Ovations bedacht!

Auch als Zeichen dafür, dass Gleichstellung in der Filmbranche machbar sein kann und muss.